Der Steinerne Kanon der Erdbestrahlung

Hintergrund

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Meeresspiegel-Kurve
Sonifikation

Erdgeschichte mit allen Sinnen zu verstehen, ja Geologie förmlich zum Klingen zu bringen- mit einem innovativen Brückenschlag sucht "Ton macht die Musik!", auf ungewöhnliche Art für naturkundliche Fragen zu begeistern. Denn ist mit Pythagoras "Fels nichts anderes als zu Stein gewordene Musik“? Im Jahr der Geowissenschaften, in der Musikstadt Leipzig, wird dafür das erste Forum überhaupt entstehen.

Steine sind kommunikativ. Aufgrund ihrer Beschaffenheit und Zusammensetzung teilen sie uns Art und Zeitpunkt ihrer Entstehung mit. Bestimme Gesteine, nämlich Sedimente, können die Geschichte des Klimas und globalen Meeresspiegels über Millionen von Jahren bestens erzählen. In einem Diagramm zu einer Kurve aufgetragen, artikuliert sich ein fortwährendes Auf und Ab der Temperaturen und Meeresspiegel-Höhen.

Mehr noch, derartige Kurven für den Zeitraum der letztvergangenen Eiszeit decken sich genau mit der durch Milutin Milankovitch auf mathematischem Wege ermittelten Geschichte der wechselnden Intensität der Erdbestrahlung durch die Sonne der letzten 600.000 Jahre. Die meteorologische Konsequenz dieser unterschiedlichen Bestrahlungs-Stärke- damals wie heute- ist die jahreszeitliche Rhythmik: Die vier Jahreszeiten. Jahr für Jahr wurden die eiszeitlichen Wechsel der Jahreszeiten in einem besonderen Sediment überliefert, dem sogenannten Bänder-Ton.

Und dieser Ton macht Musik! Über den mathematischen in einen musikalischen Kanon übersetzt, finden die naturwissenschaftlichen Phänomene in diesem neuartigen Ansatz einen kreativen Ausdruck, der sich über das sinnliche Vorstellungsvermögen vermittelt. Meeresspiegel- und Klimakurven werden dabei in Zusammenarbeit mit österreichischen, britischen und amerikanischen Klang- und Avantgardekünstlern mittels modernster Möglichkeiten der Computertechnik nicht nur in Klänge, sondern in ein in seiner Art einmaliges Konzert umgewandelt.

Jeder Stein bildet einen Ton, und hörbar wird plötzlich in seiner Gesamt- und Schönheit: der steinerne Kanon der Erdbestrahlung. Damit werden geologische Erkenntnisse unmittelbar erlebbar gemacht.

Dabei fasziniert ein solcher Zugang nicht von ungefähr. Eröffnet sich dabei doch auch die "Harmonie der Sphären": Planeten und Atome gehorchen denselben Gesetzmäßigkeiten, wie sie in den grundlegenden Intervallproportionen der Musik zu finden sind. In diesem ewig jungen Mythos finden wir eine Antwort, warum Musik, warum die Musik der Steine so schön ist. Erkennen wir in ihr doch intuitiv die Proportionen des Universums. Hier verschmelzen Geologie und Astronomie.

Die Begegnung dieser beiden Wissenschaften in der Eiszeitforschung fächert dieses Spektrum weiter auf.

In der Umgebung von Leipzig sind die Zeugnisse der letzten Eiszeit auf das Eindrücklichste überliefert. Aufgrund dieser besonderen geologischen Situation wuchs die Universitätsstadt Leipzig zu einem bedeutenden Zentrum der Glaziologie heran. Hier steht, gemeinsam vom Leipziger Mineralogen Carl Friedrich Naumann und dem Schweizer Geologen Charles Adolfe Morlot 1844 gezimmert, die geistige Wiege der Inlandvereisungs-Theorie. Längst ist die Glaziologie weltweit zu einer Domäne und einem Paradebeispiel interdisziplinärer Forschung herangewachsen. Der besondere Reiz, den die Eiszeit auf Geowissenschaftler wie auf Geschichts- und Kulturwissenschaftler ausübt, liegt darin begründet, dass sie selbst ganz entscheidend die Chronik unserer Zivilisation geprägt hat. Die Eiszeit steht als Inbegriff für den biologischen und kulturellen Aufstieg des Menschengeschlechts: Eiszeit ist Kulturzeit!

Heute, am Pulsschlag der Zeit, befinden wir uns inmitten eines neuen Kapitels der Klima- und Zivilisationsgeschichte, in dem der Mensch als geologischer und klimatischer Faktor die Hauptrolle spielt. Es lautet "Globale Industrialisierung" und handelt von Klimaerwärmung, dem Abschmelzen der Polkappen und dem daraus resultierenden Meeresspiegel-Anstieg.

Das "Jahr der Geowissenschaften" bietet für geowissenschaftliche und umweltpolitische Institutionen eine hervorragende Plattform, ihre vielfältigen Forschungstätigkeiten und gesellschaftspolitischen Anliegen nachhaltig ins Rampenlicht des öffentlichen Interesses zu rücken. Mit dem außergewöhnlichen Projekt, die geologische Geschichte des Meeresspiegels musikalisch wiederzubeleben, will das Naturkundemuseum Leipzig dabei Erdgeschichte mit allen Sinnen verständlich machen. Damit soll in der Musikstadt Leipzig ein weiterer Beitrag zum dringend notwendigen Austausch zwischen Geowissenschaften und Kulturleben geleistet werden. Innovative Formen multimedialer Wissensvermittlung können dabei die Attraktivität naturkundlicher Museen erhöhen und naturwissenschaftliche Belange neuen "Anklang" finden.